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Statine und Nebenwirkungen: Was ist Fakt, was Mythos?

Writer: Alexandrina Ionescu
Alexandrina Ionescu
Sep 27
5 min read

Muskelschmerzen, Diabetes, Gedächtnisprobleme, Leberschäden – kaum eine Medikamentengruppe wird so intensiv über mögliche Nebenwirkungen diskutiert wie Statine.

Viele Menschen sind deshalb verunsichert, wenn ihnen ein Statin empfohlen wird. Gleichzeitig gehören Statine zu den am besten untersuchten Medikamenten in der Herz-Kreislauf-Medizin und können bei entsprechender Indikation das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich senken.

Aber welche Nebenwirkungen sind tatsächlich durch Statine verursacht – und welche treten zwar während einer Statintherapie auf, aber nicht häufiger als ohne Statin?

Große randomisierte, placebokontrollierte Studien geben darauf inzwischen erstaunlich klare Antworten.


Muskelschmerzen durch Statine: häufig – oder überschätzt?

Muskelbeschwerden gehören zu den bekanntesten möglichen Nebenwirkungen von Statinen. Viele Patientinnen und Patienten berichten über Muskelschmerzen, Muskelkrämpfe oder Muskelschwäche.

Dass Statine solche Beschwerden verursachen können, ist unbestritten. Die entscheidende Frage ist jedoch: Wie häufig sind die Beschwerden tatsächlich durch das Statin verursacht?

Eine große Metaanalyse der Cholesterol Treatment Trialists’ Collaboration untersuchte Daten von mehr als 120.000 Menschen aus randomisierten, doppelblinden Studien.

Muskelbeschwerden wurden berichtet von:

27,1 % der Menschen unter Statinund26,6 % unter Placebo.

Der Unterschied war also deutlich kleiner, als man anhand der Häufigkeit berichteter Beschwerden vermuten könnte.

Besonders im ersten Jahr der Behandlung zeigte sich ein leichter Anstieg. Rechnerisch war in dieser Zeit etwa 1 von 15 berichteten Muskelbeschwerden tatsächlich durch das Statin verursacht.

Über den gesamten Studienzeitraum waren mehr als 90 % der unter Statin berichteten Muskelbeschwerden nicht auf das Medikament zurückzuführen.

Das bedeutet nicht, dass Muskelschmerzen unter Statinen ignoriert werden sollten. Es bedeutet vielmehr: Das zeitgleiche Auftreten einer Beschwerde beweist noch nicht, dass das Statin ihre Ursache ist.


Erhöhen Statine das Diabetesrisiko?

Hier lautet die Antwort: Ja – leicht und dosisabhängig.

Eine große Metaanalyse aus dem Jahr 2024 untersuchte fast 124.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer randomisierter Studien.

Bei niedriger oder moderater Statinintensität stieg das relative Risiko für einen neu diagnostizierten Diabetes um etwa 10 %. In absoluten Zahlen entwickelten pro Jahr etwa 1,3 % der mit einem Statin behandelten Personen einen Diabetes gegenüber 1,2 % unter Placebo.

Bei hochintensiver Statintherapie war der relative Anstieg größer.

Interessant ist jedoch, bei wem der Diabetes überwiegend auftrat: Rund 62 % der neu diagnostizierten Fälle betrafen Menschen, deren Blutzuckerwerte bereits vor Beginn der Therapie im höchsten Viertel lagen.

Statine scheinen also vor allem bei Menschen, die ohnehin nahe an der Diabetesgrenze liegen, den Blutzucker geringfügig weiter anzuheben. Der durchschnittliche Anstieg des HbA1c war mit ungefähr 0,06–0,08 Prozentpunkten klein.

Das Diabetesrisiko ist damit eine reale Nebenwirkung – aber eine, deren Größenordnung in die individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung eingeordnet werden sollte.


Verursachen Statine Gedächtnisprobleme oder Demenz?

Auch diese Sorge begegnet mir immer wieder.

Die bisherige Evidenz spricht jedoch nicht dafür, dass Statine Demenz oder einen relevanten kognitiven Abbau verursachen.

Bereits eine Metaanalyse randomisierter Studien mit mehr als 46.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern fand keinen negativen Effekt von Statinen auf die kognitive Leistungsfähigkeit.

Auch neuere Daten bestätigen dieses Bild. Eine Metaanalyse randomisierter Studien aus dem Jahr 2025 mit mehr als 100.000 Teilnehmern fand keinen Anstieg von Demenz oder kognitiven Einschränkungen unter lipidsenkender Therapie.

Und auch die große Statin-Sicherheitsanalyse von 2026 fand keinen überzeugenden Hinweis auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Statintherapie und kognitiven Störungen.

Die Aussage „Statine verursachen Demenz“ ist durch die derzeitige Studienlage somit nicht belegt.


Und die Leber?

Statine können die Leberwerte verändern. Auch das ist eine reale Nebenwirkung – allerdings ist die Größenordnung wichtig.

In der 2026 veröffentlichten Metaanalyse traten erhöhte Transaminasen und andere auffällige Leberwerte unter Statinen etwas häufiger auf als unter Placebo.

Der zusätzliche absolute Anteil an auffälligen Leberwerten lag bei ungefähr 0,13 % pro Jahr.

Bei intensiverer Statintherapie waren solche Veränderungen häufiger, was für einen dosisabhängigen Effekt spricht.

Ein Anstieg der Leberwerte ist jedoch nicht gleichbedeutend mit einer schweren Leberschädigung.

Deshalb lohnt sich auch hier die Unterscheidung zwischen einer messbaren Laborveränderung und einer klinisch relevanten Erkrankung.


Was ist mit all den anderen Nebenwirkungen im Beipackzettel?

Genau diese Frage untersuchte eine besonders interessante Arbeit der Cholesterol Treatment Trialists’ Collaboration, die 2026 im Lancet veröffentlicht wurde.

Die Forscher analysierten Nebenwirkungen, die in den Fachinformationen von fünf häufig verwendeten Statinen aufgeführt sind.

Muskelbeschwerden und Diabetes waren bereits Gegenstand vorheriger großer Analysen und wurden deshalb separat betrachtet.

Für 66 weitere mögliche Nebenwirkungen wurde untersucht, ob sie in doppelblinden, randomisierten Studien unter Statinen tatsächlich häufiger auftraten als in den Vergleichsgruppen.

Das Ergebnis:

Nur vier der 66 untersuchten Ereignisse zeigten einen statistisch überzeugenden Anstieg.

Dazu gehörten:

  • erhöhte Transaminasen,

  • andere Veränderungen der Leberwerte,

  • Veränderungen der Urinzusammensetzung und

  • Ödeme.

Die absoluten Unterschiede waren klein.

Für zahlreiche andere Beschwerden, die Statinen zugeschrieben werden, fand sich dagegen kein überzeugender Hinweis auf einen ursächlichen Zusammenhang – darunter beispielsweise kognitive Störungen, Depressionen, Schlafstörungen und periphere Neuropathien.

Das ist ein wichtiger Unterschied: Eine Erkrankung oder Beschwerde kann während der Einnahme eines Medikaments auftreten, ohne durch dieses Medikament verursacht worden zu sein.


Was tun, wenn unter einem Statin Beschwerden auftreten?

Beschwerden während einer Statintherapie sollten ernst genommen und systematisch eingeordnet werden.

Je nach Art der Beschwerden können unter anderem folgende Fragen eine Rolle spielen:

  • Besteht ein plausibler zeitlicher Zusammenhang mit Beginn oder Dosiserhöhung?

  • Gibt es andere mögliche Ursachen für die Beschwerden?

  • Bestehen relevante Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten?

  • Sind Laboruntersuchungen – beispielsweise CK, Leberwerte oder Schilddrüsenwerte – sinnvoll?

  • Verschwinden die Beschwerden nach einer Therapiepause?

  • Treten sie bei erneuter Einnahme wieder auf?

  • Wird eine niedrigere Dosis oder ein anderes Statin besser vertragen?

Eine vermutete Statinunverträglichkeit bedeutet deshalb nicht automatisch, dass eine wirksame LDL-Senkung nicht möglich ist.

Nebenwirkungen gehören immer in den Kontext des Nutzens

Keine wirksame medikamentöse Therapie ist völlig frei von Nebenwirkungen.

Entscheidend ist deshalb nicht die Frage:

„Hat dieses Medikament Nebenwirkungen?“

Sondern:

„Wie groß sind Nutzen und Risiko für diesen konkreten Menschen?“

Für Statine ist die Senkung des kardiovaskulären Risikos sehr gut dokumentiert. In großen randomisierten Studien ging eine LDL-Senkung um etwa 1 mmol/l – rund 39 mg/dl – mit ungefähr 20 % weniger schweren vaskulären Ereignisseneinher.

Wie groß der persönliche Nutzen einer Therapie ist, hängt jedoch vom individuellen Ausgangsrisiko ab. Eine Person mit bereits bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung hat eine andere Nutzen-Risiko-Situation als ein ansonsten gesunder Mensch mit niedrigem kardiovaskulärem Risiko.


Fazit

Statine sind nicht nebenwirkungsfrei. Einige Risiken sind gut belegt:

Muskelbeschwerden können auftreten – werden aber wesentlich häufiger dem Statin zugeschrieben, als sie tatsächlich durch das Statin verursacht werden.

Das Diabetesrisiko steigt leicht und dosisabhängig, insbesondere bei Menschen, deren Stoffwechselwerte bereits nahe am Diabetesbereich liegen.

Leberwerte können ansteigen, schwere klinische Leberschäden sind davon jedoch zu unterscheiden.

Für viele andere häufig befürchtete Nebenwirkungen – darunter kognitive Störungen, Demenz, Depressionen oder Schlafstörungen – zeigen große randomisierte Studien dagegen keinen überzeugenden Hinweis auf einen schädlichen Effekt.

Eine gute Therapieentscheidung sollte deshalb weder mögliche Nebenwirkungen herunterspielen noch sie überschätzen.

Sie sollte Nutzen und tatsächliche Risiken auf Basis der besten verfügbaren Evidenz individuell gegeneinander abwägen.


Quellen

  1. Cholesterol Treatment Trialists’ Collaboration. Effect of statin therapy on muscle symptoms: an individual participant data meta-analysis of large-scale, randomised, double-blind trials. Lancet. 2022;400:832–845.

  2. Cholesterol Treatment Trialists’ Collaboration. Effects of statin therapy on diagnoses of new-onset diabetes and worsening glycaemia in large-scale randomised blinded statin trials. Lancet Diabetes Endocrinol. 2024;12:306–319.

  3. Cholesterol Treatment Trialists’ Collaboration. Assessment of adverse effects attributed to statin therapy in product labels: a meta-analysis of double-blind randomised controlled trials. Lancet. 2026;407:689–703.

  4. Ott BR et al. Do statins impair cognition? A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. J Gen Intern Med. 2015;30:348–358.


Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen medizinischen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung oder Therapieentscheidung.


 
 
 

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